„Berufsorientierung ist immer noch von Geschlechterklischees beeinflusst“

Anlässlich des IUBH Stipendienprogramms Women In Tech sprachen wir mit der Bremer Frauenbeauftragten Bettina Wilhelm über Genderklischees und was Bildungspolitik und Arbeitgeber tun müssen, um die Gleichstellung von Frauen und Männern voranzubringen.

Frauen arbeiten in dienstleistungsorientierten Berufen, Männer in technikdominierten Branchen – dieses Klischee findet sich auch im Deutschland des 21. Jahrhunderts noch allzu oft bewahrheitet. Weil mehr Diversity und Gendergerechtigkeit gesellschaftlich guttun, fördert die IUBH ab sofort Frauen in technikorientierten Studiengängen. Anlässlich des Stipendienprogramms Women In Tech sprachen wir mit der Bremer Frauenbeauftragten Bettina Wilhelm über Genderklischees und was Bildungspolitik und Arbeitgeber tun müssen, um die Gleichstellung von Frauen und Männern voranzubringen.

Liebe Frau Wilhelm, Norwegen hat 2008 eine Frauenquote in den Aufsichtsräten börsennotierter Unternehmen eingeführt – das Gesetz hat ein Umdenken in der Gesellschaft herbeigeführt, weiteren wirtschaftlichen Aufschwung erzeugt. Auch in Deutschland wächst der Anteil an weiblichen Führungskräften. Wieso benötigt der Prozess, Führungsstrukturen geschlechtergerecht zu gestalten, dennoch so lange?

Bettina Wilhelm: Weil es um lange gewachsene Strukturen und Haltungen geht, die sich ändern und die wir verändern müssen. Und das dauert eben. Führung geht nur Vollzeit? Fehler! Teilzeit ist nur für Frauen? Falsch! Quote ist blöd und die durch sie in den Job gekommenen Frauen erst recht? Im Gegenteil! Führungsstrukturen in Unternehmen sind männlich gewachsen, das lässt sich historisch nachvollziehen und begründen – so wie Frauen auch jahrhundertelang aus der Politik ausgeschlossen waren und sich nun im Zeitlupentempo an die Parität herankämpfen, gilt dasselbe auch für Betriebe. Es ändert sich einiges, der Anteil von Frauen in Führung nimmt zu, aber eben sehr langsam – zu langsam, finde ich.

Was sollten und können einzelne Unternehmen tun, um Frauen in den eigenen Reihen zu fördern?

Bettina Wilhelm: Sie sollten den Bewusstseinswandel fördern und mit guten Maßnahmen flankieren – sie sollten Führungsjobs in Teilzeit ermöglichen und dazu ausdrücklich auch Männer ermutigen, damit Teilzeit endlich sein Minderleister-Stigma los wird. Sie sollten die inzwischen allgegenwärtige Worthülse der Familienfreundlichkeit mit Leben füllen, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie als gewünscht darstellen und sich von der immer noch vielfach vorherrschenden Präsenzkultur verabschieden. Und natürlich sollten die Personalverantwortlichen in Unternehmen gezielt und individuell Frauen fördern, in dem Wissen um benachteiligende Strukturen, die es zu verändern gilt.

Wo muss das Bildungssystem in Deutschland ansetzen, um hier Veränderung herbeizuführen?

Bettina Wilhelm: Berufsorientierung ist in Deutschland immer noch von Geschlechterklischees beeinflusst. Die Berufswahl junger Menschen ändert sich zwar sehr langsam, es ist aber nach wie vor so, dass Jungen vermeintlich männliche und Mädchen vermeintlich weibliche Berufe anstreben. Hier brauchen wir eine Offensive für eine geschlechtersensible Berufsorientierung, die auch schon viel früher als bisher einsetzen muss. Das geht im Kindergarten los: Hier werden Interessen wach und hier werden sie bereits gebahnt, Stichwort: Rosa-hellblau-Falle – was Geschlechterklischees anrichten und wie sehr sie später sowohl Mädchen als auch Jungen in ihrer Entfaltung begrenzen, muss viel mehr als bisher im Bewusstsein aller ankommen. Und natürlich müssen auch Schulen und Hochschulen der Wirkmacht von Geschlechterklischees und ihren Folgen mit guten Konzepten begegnen – über viel Aufklärungsarbeit, spezielle Mädchen- und Frauennetzwerke oder auch Förderprogramme.

Brauchen wir wirklich eine Frauenquote? Oder geht es vielmehr um die Qualifikation und Qualität der geleisteten Arbeit und reguliert sich von selbst?

Bettina Wilhelm: Quote gegen Qualität auszuspielen ist eine Falle. Denn die Quote greift ja nur, wenn Qualifikation und Qualität der Bewerbenden gleich sind. Und nur weil das permanent missverstanden werden will, ist die Quotenfrau zum Schimpfwort geworden. Dass sich Parität in Führungsstrukturen eben nicht von selbst einstellt und Frauen leisten können wie sie wollen, der männliche Kollege dann aber trotzdem besser bezahlt oder eher befördert wird, belegen Studien seit Jahren. Und haben ja nun auch die zäh errungenen gesetzlichen Regelungen zur Folge gehabt – so wie das Quotengesetz und das Entgelttransparenzgesetz, die ich mir beide deutlich schärfer gewünscht hätte. Von selbst tut sich leider viel zu wenig.

Werden wir irgendwann an einen Punkt kommen, an dem es keinerlei Gesetze mehr benötigt, um die Rolle der Frau zu schützen und gleichzustellen?

Bettina Wilhelm: Vielleicht in 202 Jahren? So lange dauert es laut Weltwirtschaftsforum nämlich noch, bis beim derzeitigen Schneckentempo die Gleichstellung von Männern und Frauen am Arbeitsmarkt erreicht ist.