Oh, wie streng ist Panama

Ihr Boot mussten sie zurücklassen. Mit zwei Koffern ging es für Melanie und Jan zurück nach Deutschland. Eigentlich wollten sie noch mindestens ein Jahr lang die Weltmeere besegeln. Doch Corona hatte andere Pläne. Ein Jahresrückblick.

2020 stellte uns alle vor unerwartete Herausforderungen. Auch für Melanie, Globetrotter und Fernstudentin, ging im Sommer ein Traum zu Ende. Zwei Jahre wollte sie mit ihrem Mann und Segelboot Tore soviel und weit wie möglich reisen. Doch Corona spielt nach eigenen Regeln: harter Lockdown in Panama, eingesperrt auf 15 Quadratmetern, null Perspektive. Und doch Hoffnung? Wir wollten alles wissen und haben Melanie zu ihrem 2020 befragt, das zweifelsohne sehr viel anders verlief als meins im Homeoffice.

Melanie, in Panama war für euch unerwartet Schluss, im Juli seid ihr zurück nach Deutschland. Wie geht es Dir und was machst Du gerade?

Melanie: Mir geht’s gut. Ich bin viel am Studieren. Generell konnte ich die Corona-Zeit dafür gut nutzen. Im Prinzip habe ich in den letzten Monaten so viel geschafft wie noch nie. Ja, aktuell mache ich meinen Bachelor in Soziale Arbeit tatsächlich Vollzeit. Das war nicht immer so.

Wie enttäuscht bist Du, dass ihr die Reise abbrechen musstet?

Melanie: Direkt abbrechen mussten wir nicht. Wir haben uns bewusst dafür entschieden. Es gab einfach keine richtige Perspektive für unsere weitere Reise. Drei Monate durften wir kaum raus, wussten nicht, wie es hätte weitergehen können. Die Grenzen waren Corona-bedingt zu. Und auch generell gibt es klare Segel-Vorschriften: Man kann nicht einfach so das ganze Jahr an- und ablegen. Damit hat sich unser Zeitfenster immer mehr geschlossen. Also mussten auch wir streng mit uns und unseren Entscheidungen sein: Warten wir ein Jahr lang ab oder beenden wir das Ganze? Es wurde Zweiteres. Das war nicht leicht, aber Okay.

Wann hat euch die Nachricht “Corona” erreicht und wie habt ihr den Lockdown in Panama erlebt?

Melanie: Im März ankerten wir planmäßig in Panama. Da waren wir schon mittendrin. Davor haben wir die Situation um Corona nicht wirklich mitbekommen. Zu der Zeit waren wir in der Karibik, auf der Atlantikseite. In Kolumbien hatte ich noch ein Foto gepostet mit einem Corona-Bier in der Hand. Daraufhin bekam ich eine sehr merkwürdige Antwort einer Freundin. Corona, das Virus, war uns zu dem Zeitpunkt noch völlig fremd. Der Lockdown in Panama verlief zu Beginn, also nach unserer Ankunft, noch sehr unaufgeregt. Doch dann wurde alles sehr schnell sehr viel strenger: Männer und Frauen durften nur getrennt raus, zwei- bis dreimal pro Woche für eine Stunde. Sonst mussten wir auf dem Boot bleiben und das war ziemlich klein, ich schätze 15 Quadratmeter.

Und es war heiß, sehr heiß. Auf Dauer definitiv kein schöner Zustand, so eingesperrt. Kurzfristig wurden sogar sehr strickte Ausgangssperren beschlossen, auch kurz vorm Wochenende, was für die Planung sehr schwierig war, v.a. wenn Lebensmittel fehlten. Eine Zeitlang hat die letzte Ziffer im Pass entschieden, wann wer raus durfte. In meinem Fall war das zwischen 14 und 15 Uhr, Montag, Mittwoch und Freitag – die Tage für Frauen. Diese eine Stunde durfte man wirklich nur zum Einkaufen oder für Arztbesuche nutzen, Sport war ausgeschlossen. Im Supermarkt wurde mithilfe des Passes streng kontrolliert und Fieber gemessen.

Oh, ganz anders als in Deutschland. Was hast Du auf dem Boot gemacht, um Dich abzulenken, die Zeit gut zu nutzen?

Melanie: Ich habe viel fürs Studium gemacht. Dadurch verging die Zeit zum Glück superschnell. Ich schrieb einfach eine Klausur nach der anderen. Erstaunlicherweise hat alles extrem gut geklappt: das Lernen aber auch das Virtuelle, bereits vor Panama. Die Karibik hat hervorragendes Internet. Klar, auf dem Boot sollte man Landnähe haben. Aber aufs Jahr zurückgeblickt, lief das mit dem Fernstudium richtig gut. Wahnsinn war auch, wie hilfsbereit Menschen sind, wenn man mal doch kein Netz hat und eine Prüfung ablegen möchte. Anfang des Jahres, zum Beispiel, waren wir auf Bonair in der Karibik. Dort haben wir zufällig einen Amerikaner am Strand getroffen. Ich fragte, ob es in der Nähe eine Uni gibt oder einen Ort, an dem ich unkompliziert online gehen kann. Doch er bot mir gleich an, meine Klausur bei ihm zu Hause zu schreiben.

Weil zum Jahreswechsel noch viele Unis geschlossen hatten, ist mir das öfter passiert – also, dass ich in völlig fremden Wohnzimmern meine Prüfungen ablegte. Verrückt! Auch in Panama blieb das mit den Klausuren spannend. Denn immer, wenn man fremdes Internet nutzt, ist nie sicher, ob alles 100% klappt. Nervenkitzel war daher oft am Start – aber am Ende hat immer alles gut funktioniert – selbst als bei meiner dritten Hafen-Prüfung die Verbindung kurz ausfiel, zehn Minuten vor Klausurstart.

Wow! Wie war das dann für Dich? Vor Klausuren ist man ja nicht selten nervös und dann findet alles unter ganz anderen Bedingungen statt.

Melanie: Ja, das war schon aufregend. Viele, die zu der Zeit im Hafen Panamas ankerten, kamen aus der ganzen Welt. Über die Reling lernte man sich gut kennen. Da unsere Verbindung ins Web leider nicht immer top war, halfen uns andere Segler jederzeit gern aus – wie eine Familie, die wir am Ende ungern zurückließen. Der gegenseitige Support und das Vertrauen waren enorm. Vor jeder Prüfung haben sie mir die Daumen gedrückt und im Anschluss interessiert gefragt, wie’s lief. Das wurde regelrecht zu unserem Ding. Noch immer haben wir Kontakt. Mit bzw. durch unsere neuen Freunde habe ich viel im Studium geschafft.

Generell finde ich die Möglichkeit, komplett virtuell zu studieren genial. Deshalb habe ich mich für ein Fernstudium entschieden – wegen der enormen Flexibilität. Und das bereits vor dem Go unserer Segel-Weltreise. Klar, bei der ersten Klausur war ich sehr aufgeregt: Wie funktioniert das alles? Doch da kommt man schnell rein und ich habe gelernt, mit dem “Was ist, wenn …” umzugehen. Außerdem ist der ganze Prozess sehr zeiteffektiv. Man muss nicht erst zum Campus fahren, einen Parkplatz suchen oder auf die Pünktlichkeit der Öffis hoffen. Auch die Sache mit dem “Ausgehfein machen” fällt weg. Prüfung im Schlabber-Look, why not? Quasi könnte man bis zur letzten Minute lernen.

Wie viele Prüfungen hast Du in der Lockdown-Zeit geschafft?

Melanie: In den drei Monaten auf Panama habe ich wegen der strickten Maßnahmen bestimmt 5-6 Klausuren geschrieben. Ich konnte ja auch sieben Tage die Woche lernen. Online war alles zugänglich und wenn ich Fragen hatte, war ich mit dem IUBH-Team per E-Mail im Austausch. Selbst die Zeitverschiebung war keine Hürde, mit dem Studierendensekretariat habe ich problemlos telefoniert. Mir konnte immer jemand helfen. Auch die Coaches sind super. Egal, wo ich gerade auf der Welt war, mit meinen Fragen war ich nie allein. Das fand ich mega praktisch. Bevor wir die Segel setzten, dachte ich noch, dass ich mit dem Studium sicher länger brauche. Jetzt, wo ich schon viele Klausuren weghabe, schaffe ich den Abschluss wahrscheinlich schon Mitte, statt Ende 2021. In Deutschland kann ich mich nun mehr auf die schriftlichen Arbeiten konzentrieren. So gesehen, bin ich ganz happy mit der Entwicklung.

Lass uns etwas zurückspulen. Ihr seid im Frühjahr 2019 gestartet, wolltet zwei Jahre um die Welt segeln. Was hat euch dazu bewogen?

Melanie: Wir lieben das Reisen, andere Menschen kennenlernen und alles, was mit Wasser zu tun hat: Surfen, Segeln, Tauchen. Irgendwann kam die Idee, entweder früher in Rente zu gehen oder schon jetzt, so mitten im Leben, aufzubrechen. Denn, ob im Alter noch alles möglich ist … Und einen neuen Job findet man mit Anfang 40 auch nach einer längeren Weltreise. Das Ziel war nie, zwingend, um die ganze Welt zu segeln. Aber wir wollten herausfinden, wie weit wir’s schaffen. Die größten Segler waren wir vor Reisebeginn nicht. Es zählte vor allem der Gedanke, nicht irgendwann aufwachen zu müssen und das “Hätten wir doch …” zu bereuen.

Wo seid ihr gestartet und welche Route stand auf dem Plan?

Melanie: Angefangen hat alles an der Ostsee. Das war im Mai 2019. Dort haben wir das Boot gekauft, sind dann durch den Nord-Ostsee-Kanal in die Nordsee gesegelt, entlang der Küste von Holland nach Frankreich, durch den Ärmelkanal nach England und weiter Richtung Spanien, Portugal, den Atlantik runter. Das waren unsere ersten Etappen. Dann stand das erste Segeln über Nacht auf dem Plan, im Anschluss mal zwei bis drei Tage am Stück. Wir haben uns langsam rangetatstet. Am Anfang war alles super aufregend, ich habe wenig geschlafen und an Uni war ehrlicherweise noch nicht zu denken. Später fand ich dann meinen Rhythmus, wie ich gut segeln und studieren konnte. Bis September 2019 waren wir in Europa, dann ging‘s nach Marokko, also Afrika. Von dort aus segelten wir wieder nach Europa zu den Kanarischen Inseln.

Anfang November sind wir über den Atlantik gesegelt mit dem Ziel Karibische Inseln. Weiter ging es nach Kolumbien und schließlich nach Panama, im Frühjahr 2020. Eigentlich hatten wir geplant, im Anschluss nach French Polynesien zu segeln, also den Pazifik zu überqueren. Da wir mal in Australien gelebt haben, war das Ziel, dort im Oktober 2020 zu ankern, um etwas länger zu bleiben, Freunde zu besuchen. In Australien wollten wir entscheiden, ob wir das Boot verkaufen oder wieder zurück nach Europa segeln. Gern hätte ich dort oder in French Polynesien ein Praktikum fürs Studium gemacht. Doch Corona hatte andere Pläne. In Panama entschieden wir uns im Sommer, von Board zu gehen.

Was hast Du vor dem Studium gemacht bzw. bevor es auf die Weltmeere ging?

Melanie: Ich bin gelernte Erzieherin und habe in Leipzig und München als Kindergartenleitung gearbeitet. In vielen Bundesländern reicht der Erzieher, um als Leiter/in zu arbeiten. Eine Zusatzausbildung im Bereich Leitung habe ich auch. Aber in Sachsen muss man für große Einrichtungen ein Studium nachweisen. In Leipzig waren es immerhin 280 Kinder. Das war der Grund, weshalb ich das Bachelorstudium begonnen habe. Aber auch so fand ich es spannend, eine Schippe draufzulegen, weiter zu lernen. Eine akademische Ausbildung öffnet viele Türen, inspiriert – auch was potentielle neue Arbeitsplätze betrifft.

Könntest Du Dir vorstellen, nach Deinem Studium woanders zu arbeiten?

Melanie: Eigentlich habe ich immer gedacht, ich bleibe im Kindergarten. Ich liebe meinen Job. Das Fernstudium hat mir aber gezeigt, dass es noch so viele andere spannende Bereiche gibt wie das Sozialrecht oder die Medizin … Nach jedem Modul denke ich: Wow, was ich alles machen könnte. 2021 wird echt spannend, wo meine berufliche Reise hingeht und was ich bis dahin noch alles lerne.

Apropos: Was sind Deine Learnings der letzten Monate mit Blick in die Zukunft?

Melanie: Planen ist gut, aber ich habe unterwegs gelernt, wie wichtig es ist, flexibel zu bleiben. Das macht das Leben einfach einfacher. Wir mussten alle lernen, dass schnell etwas aus dem Ruder laufen kann. Dann ist es umso wichtiger, sich keine Grenzen zu setzen, v.a. im Kopf. Ich lernte, noch offener zu sein, gegenüber neuen Situationen, neuen Bekanntschaften. Zusammenhalt ist und bleibt entscheidend, auch wenn ‘zusammen’ nicht immer möglich war. Stichwort Hilfsbereitschaft. Die haben wir sehr oft erfahren. Trotz der vielen Höhen und Tiefen – auch beim Segeln, fand ich 2020 rückblickend sehr spannend. An der Stelle könnte ich wahrscheinlich die ganzen Schifffahrtsvergleiche auspacken wie: Die Reise war wie das Wetter auf See – mit Sturm und Donner aber auch viel Sonne und frischem Wind. Die Lockdown-Zeit im Hafen war hart, aber Wahnsinn, wie viel ich dort geschafft und Zwischenmenschliches erlebt habe.

Man kann also sagen, Panama war am Ende doch schön?

Melanie: Unbedingt! Wichtig ist immer, das Positive zu sehen. Klar war ich tottraurig als unsere Reise unerwartet zu Ende ging. Dafür habe ich so viel gewonnen. Wir sind nach Dresden gezogen, hier fühlen wir uns wohl und ich bin gespannt, auf das neue Jahr. Ach ja, und was die Zukunft angeht: Sicher träumen wir davon, irgendwann unsere Reise fortzusetzen, den Rest zu besegeln. Das halten wir uns aber offen, denn die nächsten Jahre werden an Land definitiv nicht langweilig. Und egal, wo mein nächster Schreibtisch stehen wird, dort werde ich mir mein kleines Segelboot aufstellen, das mich daran erinnern wird, wofür ich arbeite und was alles möglich ist. Es bleibt also spannend. Immer!

Danke Melanie, dass Du Dein 2020 und damit Dein persönliches Abenteuer mit uns geteilt hast. Wir wünschen Dir alles Gute und immer genügend frischen Wind!